Der Fahrkartenkontrolleur

Sabine saß im Bus auf dem Weg nach Hause. Ihr Auto war in der Werkstatt und sie musste nun eine Woche lang auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen.

Wieder einmal merkte sie, wie unabhängig sie mit dem Auto war und sie sehnte sich danach, wieder selbst am Steuer sitzen zu können. Sie hasste es, von anderen abhängig zu sein, vor allem hatte sie eine längere Fahrtzeit durch die ganzen Dorfbesuche und sie war auch immer fünf Minuten vor der Zeit an der Bushaltestelle, um ihn nicht zu verpassen. Sie fuhr jetzt seit drei Tagen und bereits ein Mal kam sie wegen des unpünktlichen Busfahrers zu spät zur Arbeit.

Heut lief alles toll: der Bus kam pünktlich, die Sonne schien und sie hatte sogar frei, es war Samstag. Auch heute wurde natürlich im Bus nach den Tickets gefragt und alles kontrolliert, doch als sie den Kontrolleur sah, klopfte ihr Herz wie wild. Allerdings hatte sie keine Angst, weil sie schwarzfuhr, sondern weil der Typ, der langsam näher kam, einfach umwerfend aussah, um nicht zu sagen sexy.

Es gab nur eine Möglichkeit für sie, den Kontrolleur kennen zu lernen und sie wollte das auf jeden Fall.

In Windeseile ließ sie das gültige Ticket verschwinden und suchte nach irgendeinem Zettel, einem Bon. In dem Moment, wo sie etwas heraus gesucht hatte, stand er auch schon vor ihr. Sie sah zu ihm hoch und im selben Augenblick kribbelte es ganz gewaltig in seinem Magen. Er schluckte, sah sie mit großen dunklen Augen an. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie zeigte ihm das ungültige Stück Papier und er schrieb sie auf. Sie musste ihre Daten abgeben, was ihm sehr gelegen kam und Lukas war froh darüber, dass sie kein gültiges Ticket besaß. Wie hätte er sonst an ihre Daten kommen sollen.

Einen Tag später lag ein bunter Strauß Blumen vor Sabines Tür und das Kärtchen verriet ihr den Namen, den sie erst gestern gelesen hatte, nämlich auf dem Namensschild des Fahrkartenkontrolleurs. Aber sie fand noch etwas anderes: eine Handynummer. Diese rief sie natürlich umgehend an und hatte ihren Traummann am anderen Ende. Sie verabredeten sich und es war ein schöner Abend. Es gab weitere Treffen und sie war verliebt wie noch nie. Und auch Lukas war hin und weg von ihr.

Wenig später trübte jedoch eine unerwartete Nachricht ihr junges Glück, denn Sabine erfuhr, dass Lukas ein Heiratsschwindler war.

Ihre Freundinnen hatten ihr den Rat gegeben noch etwas abzuwarten und noch nicht die Pferde scheu zu machen. Vielleicht war ja auch nichts dran, aber das Internet bewies anderes.

Seit drei Wochen geschah nichts Besonderes. Sabine und Lukas trafen sich, unternahmen was zusammen, schliefen miteinander.

Am Freitagabend jedoch versetzte Lukas ihr einen Schock auf den sie zwar irgendwie vorbereitet war, der ihr dennoch tief ins Herz knallte. »Sag mal, du hast doch ein Sparbuch, oder?«

Ja, sie verdiente gut als Sekretärin. »Ja, warum fragst du? Steckst du in Schwierigkeiten?«

»Nein, ich nicht, aber meine ältere Schwester.«

»Die mit dem Casanova?«

»Ja, genau.«

»Was ist mit ihr?«

»Sie ist schwanger und muss in den Niederlanden abtreiben lassen, weil sie das Kind nicht will und sich von dem scheiß Typ getrennt hat. Endlich.«

»Okay, und was willst du jetzt?« fragte Sabine extra naiv.

»Nun, ich würde ihr ja gern das Geld vorstrecken, aber ich verdiene nicht so gut und mein Wagen muss auch demnächst in die Werkstatt, das wird noch teuer, aber ich brauche ihn.« Er schien etwas um den heißen Brei zu reden, bis er endlich zur Sache kam.

Sabine wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Sollte sie ihn ein paar Dinge über seine Schwester fragen? Aber er war doch sicher auf so etwas vorbereitet, auch wenn es diese Schwester gar nicht gab. Gut, im Bilderrahmen steckte er mit einer Frau, aber das konnte auch eine Ex von ihm sein oder eine gut gemachte Fotomontage. Es bewies nichts.

Sabine überlegte kurz und entschied sich, ihn hinzuhalten und sich mit ihren Freundinnen abzusprechen. Sie wollte ihm eine Falle stellen.

Nur zwei Tage später saß Lukas bei ihr zuhause. Er schien nervös zu sein, sah immer wieder auf die Uhr.

»Was ist, du wirkst so nervös?« Sabine hatte ihn von der Küche aus beobachtet, kam jetzt mit zwei Tassen Kaffee zurück ins Wohnzimmer und stellte sie auf den Tisch, während sie ihn unbemerkt ansah. »Was ist los mit dir? Du bekommst doch das Geld.«

Was erwartete sie, er war geübt. War seine Nervosität vielleicht auch gespielt?

»Sarah Nadine müsste jetzt in der OP sein. Ich hab ein wenig Angst um sie. Man hört doch immer so viel von den ausländischen Ärzten. Und ich hoffe, es gibt keine Probleme wegen der späten Bezahlung.«

»Ich denke, sie kann es auch bar bezahlen?« Sabine musste Zeit gewinnen, denn nebenan saßen die Polizisten, die sofort eine Festnahme veranlassen würden, wenn er das Geld in die Hände bekam. Auch sie war nervös und hoffte, dass alles gut ging.

In dem Umschlag, den sie nun aus der Schublade ihres Schreibtisches zog waren nur die oberen und unteren Scheine echt, der Rest war Falschgeld. Wenn Lukas also genauer hinsah, war sie am Arsch. Andererseits war sie beeindruckt von seiner Show, die er hier ablieferte. Der besorgte Bruder, jau.

Es ging alles ganz schnell. Lukas hatte das Geld kaum in der Hand und wollte sich umgehend auf die Socken nach Holland machen, als der Zugriff durch die Polizei erfolgte. Er war total überrascht, als sie ihn in Handschellen aus der Wohnung führten.

Sabines Freundin Janina kam kurz darauf zu ihr, um ihr beizustehen. Nach einer Stunde bat Sabine sie allerdings, nach Hause zu gehen. Sie musste nachdenken und das konnte sie am Besten allein.

Sie ging in ihrer Wohnung auf und ab, als sie etwas hörte. Dann war es still, doch kurz darauf wiederholte es sich und Sabine ging dem Geräusch nach.

Das Handy auf dem Sofa vibrierte und Sabine griff danach. Sie drehte es um und sah eine Frau auf dem Display. Okay, ganz gelogen hatte er nicht, denn diese Frau auf dem Bild in seiner Wohnung gab es wirklich, sie hatten Kontakt. Seine Komplizin, kam es Sabine in den Sinn. Sie nahm ab, sagte nichts.

»Luke, lieber Luke.«

Sabine dachte kurz nach. »Nein, hier ist nicht Luke.«

Kurze Stille auf der anderen Seite. Hatte sie aufgelegt?

»Du musst Sabine sein. Mensch, bin ich dir vielleicht dankbar. Luke wollte es ja nicht, aber ich war so in Not.« erzählte die Frau aufgeregt.

Gar nicht schlecht das Theater, aber warum rief die Alte nicht mit unterdrückter Nummer an? Schon komisch. Sabine hörte zu und wurde mit jedem Satz blasser.

»Kann ich meinen Bruder kurz sprechen? Ich möchte ihm sagen, dass die OP gut gelaufen ist.«

Sabine wusste nicht, was sie sagen sollte und gestand der Unbekannten plötzlich, was geschehen war. Doch statt einer Beschimpfung sprach Sarah Nadine ihr Verständnis aus. »Ich habs ihm immer gesagt, irgendwann trifft er die Frau fürs Leben und dann holt ihn seine Vergangenheit ein. So was kann nicht gut gehen. Wenn ich raus darf, komme ich zu dir und wir klären das. Du solltest nur zusehen, dass er aus der U-Haft kommt.«

So geschickt kann man doch keinen Betrug planen dachte Sabine bei sich und legte auf. Sie überlegte, was zu tun sei und entschied sich, zur Polizei zu fahren. Diese überprüfte ihre Aussage und ließ den Gefangenen wieder frei. Auch er war nicht sauer und verzieh ihr Verhalten. Seine Schwester hatte ihn mehr als einmal gewarnt und nun war er ja auch selber schuld.

Hätte er bei der Aktion Festnahme nicht sein Telefon verloren, hätte sie vielleicht nie die Wahrheit erfahren.

Schon einen Monat später hatte sie nicht nur ihr Geld wieder, sondern trug einen Ring am Finger und zwar von jemandem, der sie wirklich heiraten wollte…



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