Ja, ich will nicht...

Marlene brachte ihr lackrotes Cabrio zum Stehen, richtete ihren Blick nach links, dann nach rechts. Sie setzte den Blinker, atmete kurz tief ein und bog die Straße zum Dorf ab.

  Sie fuhr die schöne Landstraße mit den Lindenbäumen entlang. Sie liebte es schon früher, hier lang zu fahren. Nur damals war es mit dem Fahrrad, wenn sie zum Reitstall im Nachbarort fuhr. Sie lächelte, sog die frische Luft ein. Nichts hatte sich auf dieser Landstraße verändert. Die Bäume standen alle noch da, prachtvoll und gesund und auch das kleine Wartehäuschen mit der Madonna stand noch unverändert an seinem Platz. Wie würde es in ihrem Heimatort sein? Gab es ihren Lieblingsladen noch? Der, wo sie immer nach der Schule was zu Naschen gekauft hatte.

  Sie passierte das Ortsschild, hielt kurz an, atmete wieder tief ein, versuchte, die Anspannung mit einem lauten Ausatmen abzuschütteln. Langsam fuhr sie durch den Ort. Die kleinen Häuser, in denen viele alte Paare wohnten. Einige würden sicher nicht mehr leben, dachte Marlene. Einige Häuser waren sicher vererbt oder an eine neue Generation verkauft worden, während die alten Bewohner im Heim fest saßen.

Der große Bauernhof auf der rechten Seite war belebt wie eh und je. Ein Hund bellte den Hermesboten an, um dann mit wedelnder Rute auf ihn zuzulaufen, um sich seine Streicheleinheiten abzuholen. Der Bauer hüpfte aus dem Trecker und im Stall sah man die Kühe an ihrem Heu knabbern. Es war Herr Brecht. Und obwohl er schon in die Jahre gekommen war, werkelte er immer noch auf dem Hof herum. Ob Thomas den Hof dennoch schon zur Gänze übernommen hatte?

  Marlene fuhr weiter und sah sich um. Da waren die Geschäfte, die es auch schon damals gab. Nur ein Geschäft stand leer. Das der alten Biergermann. Marlene hielt an, stieg aus und ging auf das Geschäft zu. „Wegen Todesfalls zu verkaufen.“ stand auf dem hellgrauen Schild. Die arme alte Dame, sie war immer sehr nett und war nicht nur fleißig, sondern auch eine Oma wie sie im Buche stand. Sie liebte ihren Laden, den sie sich zur Nachkriegszeit aufgebaut hatte, ganz allein. Es war schade, dass sie keinen Mann hatte, nie verheiratet war. Aber sie hatte einen angenommenen Enkel hier im Ort. Sicher würde er sich um den Laden kümmern, bis er verkauft würde. Ob er schon verheiratet war? Er war immer als Nerd verschrien.

Vorbei an einer Apotheke, einem kleinen Supermarkt, der Bank, einem Modegeschäft und der kleinen Kneipe an der Marktkreuzung, tauchte Marlene immer mehr in ihre Vergangenheit ein. So viele Jahre und hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein.

  Wieder brachte sie ihren Wagen zum Stehen, als sie an der kleinen Kapelle vorbeifuhr. Hier hatte sie als kleines Kind Braut gespielt. Sie lachte als ihr einfiel, was es für einen Ärger gab, weil sie die teure Lieblingsgardine ihrer Mutter als Schleier benutzt hatte. Thomas war ihr Bräutigam, aber er war nicht anwesend, er wusste nichts davon.

  Sie fuhr weiter, ihr Herz schlug schneller, denn sie bog nun dorthin ab, wo ihr Zuhause war. Schon kurz darauf kam sie an ihrem Ziel an, fuhr die Kieselsteinbedeckte Auffahrt hoch und hielt schweren Herzens an. Sie blieb noch einen Moment lang im Wagen sitzen, betrachtete das Haus mit einem mulmigen Gefühl. Auch hier hatte sich nichts verändert. Außer einigen Kleinigkeiten. Zeichen des Verfalls, dem Verfall ihrer Vergangenheit. Der Putz war dreckig, die Fensterläden hingen teilweise aus ihren Angeln gehoben. Das Haus wirkte verlassen und grau in der wunderschönen und reizvollen Umgebung.

  Marlene stieg aus, schlug leise die Autotür zu und setzte sich in Bewegung. Sie hatte das Gefühl, sie würde mit jedem Schritt langsamer gehen, zögernd, in ängstlicher Erwartung. Langsam stieg sie die fünf Holzstufen hinauf, stand vor der weißen Holztür auf der ein kleines Schildchen mit dem Namen Hubertus hing. Es war mit Blumen verziert, die schon etwas ausgeblichen schienen. Einen kleinen Augenblick starrte sie das Schild an, fuhr mit dem Finger über die 3D-Aufschrift. Doch bevor sie denken, sich gar erinnern konnte, atmete sie ein und drückte den kleinen runden Knopf. Sie hörte einen hellen Glockenton, den sie schon früher sehr mochte. Es gab immer netten Besuch in dem Haus, auch wenn die Meisten einfach eintraten, ohne sich mit einem Klingeln anzumelden.

  Warum hatte sie geklingelt? Es war schließlich ihr Zuhause. Ganz automatisch drückte sie nun die Türklinke hinunter und trat ein. Der ihr vertraute Geruch von Holz und Moder kam ihr in einem kleinen Schwall entgegen, sie blieb stehen.

  Sie atmete kurz ein, sah sich in der großen Diele um. Es stand fast alles noch dort, wo es auch schon vor fast zehn Jahren stand. Alles war vollkommen in Ruhe getaucht. Es war keiner zu hören, geschweige denn zu sehen.

  Sie sah sich um, ging dann auf die Küche zu. Sie liebte sie. Auch wenn ihre Eltern schon damals mit der Mode gingen, so stand dennoch der alte Ofen in einer Ecke. Er wurde sogar hin und wieder betrieben.

  Langsam schob sie sich in den hellen Raum. Der Duft von Keksen deutete ihr, dass hier noch jemand lebte, auch wenn es gerade sehr verlassen schien. Sie sah die frisch gebackenen Köstlichkeiten auf dem großen schweren Massivtisch und überlegte für einen klitzekleinen Moment, ob sie sich bedienen sollte. Auch wenn es das Haus war, in dem sie aufgewachsen war, kam sie sich dennoch wie eine Fremde vor. Sie schüttelte sich kurz. Dann hörte sie etwas und ging in die Diele zurück. Es war niemand da.

  „Monika?“ rief sie in die Leere. „Monika, bist du da?“

  Sie sah die Treppen hinauf, wollte zu ihrem Zimmer gehen. Wie war es da wohl? Sicher stand auch hier alles auf seinem angestammten Platz. Gerade machte sie einen ersten Schritt auf die Stufe zu, als sie innehielt. Sie drehte sich nach links. Das Zimmer. Sie schluckte und wartete kurz. Dann fasste sie sich ein Herz und betrat den Raum.

  Mit pochendem Herzen drückte sie die Klinke hinunter und als die Tür offen war, bemerkte sie sofort, dass der Geruch des Zimmers nicht zu dem Übrigen passte. Hier schien schon ewig nicht mehr gelüftet worden zu sein. Das Fenster war zu gehangen, ein dunkler tieflilafarbener Vorhang fiel bis auf den Boden, nur ein kleiner Schein drückte sich von außen ins Zimmer. Auf dem schmalen Lichtstrahl tanzten kleine Staubflöckchen.

  Kurz darauf schien ihr Herz schneller zu schlagen, ein kurzer Schwindel kam auf und die Erinnerungen aus ihrem Herzen schoben sich schmerzlich in ihren Verstand. Sie sah ihren Vater, er saß in seinem Lesesessel, die Brille auf der Nase, sah, wie er über den schwarzen Rand zu ihr sah. Er lächelte sie an. Sie konnte immer zu ihm kommen.

  Marlene spürte die Nähe, roch den herben Duft von Tabak. Als sie fast schon seine Stimme hören konnte, konnte sie die Tränen nicht mehr aufhalten und sie bahnten sich ihren Weg nach draußen. Mit von Tränen verschwommenen Augen sah sie das große dunkle Regal, in dem die Schätze ihres Vaters standen. Einige Bücher waren so alt, dass sie noch in altdeutscher Schrift geschrieben wurden. Sie hatten oftmals eine goldene Schrift auf dunklem Einband, ein schönes altmodisches Braun. Ledergebunden. Sie ging auf die Bücher zu, ließ ihre Finger darüber streifen. Als sie sich umwandte, sah sie auf den Schreibtisch, erschrak, denn die Pfeife lag im Aschenbecher. Fast so, als würde ihr Vater gleich hereinspazieren, sich hinsetzen, die Pfeife anzünden und eines seiner liebsten Bücher lesen. Marlene würde wieder am Fenster sitzen und mit ihren Puppen Teestunde spielen, ganz leise, um ihren geliebten Vater nicht zu stören, aber ihm nahe zu sein.

  Nachdem sie sich in den abgenutzten Sessel gesetzt hatte und auf den Tisch starrte, nach wertvollen Erinnerungen suchend, sah sie plötzlich auf. Ein kleiner Schatten fiel zum Schreibtisch. Es war schon dunkel geworden und irgendwer hatte in der Diele Licht gemacht und stand nun in der Tür.

  Kurz geblendet, konnte sie die Umrisse eines Mannes erkennen. Es war also keiner ihrer Familie. Ein Fremder, an dem sich jetzt ein schlecht gelaunt wirkender Dobermann vorbei schob. Er kam seelenruhig auf sie zu, sie sah verängstigt zu dem Fremden.

  „Keine Angst, er tut nichts. Jacko, Fuß.“

Im selben Moment schauderte Marlene, denn sie erkannte die Stimme. Es war Jim. Der Jim.

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© Charlene Mc Kennie