Die Singleparty

(Rohfassung)

 

Eigentlich hatte Nadja keine Lust auf eine Singleparty. Sie hasste sie fast. Vor Jahren, bevor sie ihren Freund Jan kennen gelernt hat, war sie mal dort und sie hatte das Gefühl, kaum dass sie das Lokal betreten hatte, dass alle Blicke mitleidig auf sie gerichtet waren. Sie spürte es ganz genau, alle dachten dasselbe: armes Ding, muss schon auf solche Events, um einen Macker zu finden. Noch verzweifelter konnte man nicht sein. Auch sie dachte das.

  Doch an diesem Abend hatte sich ihre beste Freundin Nathalie unbedingt gewünscht, mit ihr dorthin zu gehen. Nathalie war vergeben, wollte ihre Beste aber nicht allein gehen lassen. Außerdem traute sie ihr nicht, sicher würde sie ohne sie gar nicht erst hin gehen.

  Gerade stand sie hinter Nadja und kämmte ihre wunderschönen braunen Taillenlangen Haare, die in leichten Wellen über ihren Rücken glitten. »Ich liebe deine Haare, weißt du das?!« Fast zärtlich bürstete sie mit der feinen Bürste durch das Haar. Ihre Haare waren fast schon raspelkurz, denn langes Haar steht ihr nicht. Es macht sie alt und je länger es wurde, desto nudeliger sah es aus.

  »Die Haare hab ich von meiner Mutter.«

  »Stimmt, sie hatte wundervolles Haar. Du denkst oft an sie, oder? Du vermisst sie sehr.«

  Nadja nickte. Vor drei Jahren hatte ihre Mutter einen schweren Verkehrsunfall, als sie mit ihrem jugendlichen Freund auf einem Motorrad in einer Kurve stürzte und in den Gegenverkehr geriet. Ihr Vater war am Grab zusammengebrochen, denn er liebte sie, auch wenn sie ihn wegen eines „Teenies“ verlassen hatte. Er wusste, sie wollte sich nur etwas beweisen und er selbst war mit dem einfachen und ruhigen Leben sehr zufrieden, alles war planbar.

  Nathalie bückte sich zu ihr. »Wir machen dich jetzt richtig hübsch. Ok, viel brauchen wir dafür ja nicht.« Sie lächelte ihre Freundin an.

  Nathalie hatte recht, Nadja war mit purer Schönheit gesegnet. Warum es mit den Typen allerdings nicht klappte, konnte auch sie sich nicht erklären. Obwohl… eigentlich schon. Das herzliche Wesen, ihre lustige Art und das Mädchenhafte Gesicht mit den Rehbraunen Augen täuschten nur schwer über ihre Körperfülle hinweg. Wenn Nadja jemanden näher kennen lernte, war ihr von vornherein klar, es war einer von denen, der auf fette Frauen stand. Nur fett war sie wirklich nicht. Auch die Ausreden kannte sie danach nur zur Genüge. Du bist wirklich toll, Süße, aber ich glaube, es funktioniert auf Dauer nicht. Oder: es war richtig toll mit dir, aber du bist nicht mein Typ. Am Schlimmsten jedoch waren die Schweiger. Die, die sich einfach nach einem Treffen nicht mehr meldeten, denn sie hinterließen Zweifel.

  Als wenn Nathalie Gedanken lesen konnte, sagte sie plötzlich: »Wenn ich ein Mann wäre, würde ich dich ansprechen. Du bist klein und niedlich, ich würde dich beschützen wollen.«

  Nadja lächelte und fummelte sich gerade eine ihrer Lieblingsspangen ins Haar. Einfach nur Deko, denn halten könnte dieser kleine glitzernde Schmetterling ihre volle Haarpracht niemals.

  »Welches Kleid ziehst du an?«

  »Das Blaue, das mit den kleinen Blüten.«

  »Gute Wahl, ich staune.«

  »Was? Was willst du denn damit sagen?«

  »Na, ich erinnere dich an dein erstes Date vor vier Wochen.« Sie lachte herzhaft.

  »Auweia, das war kein Date, sondern eine zufällige Begegnung. Wer ist dann schon top gestylt.«

 »Na ja, das stimmt schon, aber sooo.«

  Nadja lief in ihrem Jogginganzug zum Laden um die Ecke. Sie brauchte doch nur Mehl und Eier für ihre Pfannkuchen. Das Ende vom Lied, sie kam aus dem Laden und polterte mit einem Mann zusammen, der mega schnieke angezogen war. Zumindest bis er mit Nadja zusammenprallte und sich die Eier samt Mehlwolke auf seinen Klamotten verteilte. Und der Anzug war schick, nicht so ein schwarzer Allerweltsanzug. Er stand im fantastisch.

  Der Typ war erst sauer, doch dann lud er sie noch auf einen Kaffee ein, denn seinen Termin, vor dem er sich eh drücken wollte, war nun gelaufen.

  Während des Gesprächs im Café erzählte er davon und Nadja lachte viel. Der Mann gefiel ihr gut, aber sie wusste, der wird genau so viel von ihr halten, nur in die andere Richtung. Dennoch verstanden sie sich prima. Sie stellten viele Gemeinsamkeiten fest. Es lief zu gut, doch Nadja genoss den Augenblick.

  »Tja, schade dass so einer immer nur auf der Durchreise ist.« stellte Nathalie fest.

  »Ja. Aber der wäre es eh nicht gewesen.«

  »Warum? Du sagst doch, ihr habt euch prima unterhalten.«

  »Ja, unterhalten, aber du glaubst doch nicht, dass so einer was mit mir anfangen will.«

  »Egal, heute Abend wirst du deinem Traummann begegnen.« weissagte Nathalie. »Es stand schließlich in deinem Horoskop. Verschließen sie sich heute nicht vor ihrem Schicksal, denn es meint es gut mit ihnen.«

  »Das kann aber auch alles andere bedeuten. Es muss kein Mann fürs Leben sein.«

  »Wenn du auch immer so negativ denkst, kann auch nichts Gutes bei rauskommen, meine Liebe.« schalte sie ihre Freundin.

  »Ja ja ja. Komm, zeig mir lieber diese tolle Hochsteckfrisur oder ich mach mir einen flotten Zopf.«

  »Nein, bloß das nicht. Du bist eine erwachsene Frau und kein schüchternes Mädchen.«

 

*

Nadja betrat das Lokal und ein Schwall Nikotinnebel umgarnte sie umgehend. Sie räusperte sich kurz. Auch ein Grund, warum sie ungern in Kneipen ging. Schon einen Tag später kratzte ihr Hals wie verrückt. Sie fragte sich immer, wie Raucher das aushielten.

  Die Tanzfläche war schon gut besucht, obwohl es noch früh war. Vielleicht auch gerade deswegen. Nadja sah sich um. Eine junge Frau tanzte sehr schön. Sie war zwar etwas nuttig gekleidet, aber bewegen konnte sie sich, dass musste ihr der Neid lassen. Sie hatte eine Taille, die sie in Szene setzen vermochte. Neidisch sah Nadja ihr zu, während Nathalie nach einem freien Platz suchte und ihn kurz darauf fand und ihre Freundin an der Hand mit sich zog.

  „Komm, lass uns wieder gehen. das bringt doch nichts.« ächzte Nadja. Bei den Frauen, die hier waren bräuchte sie ein Wunder.

  »Keine Chance, Süße. Wir bleiben. Da, schnell, bevor die andere den Platz erwischt.«

  Kurz darauf saßen sie an einem Platz, direkt neben der Tanzfläche. Direkt neben all den jungen hübschen und… schlanken Frauen. Na super, der Abend konnte kommen…

  Nathalie befand sich mehr auf der Tanzfläche als bei ihr. Etwas sauer war sie schon, aber nur weil sie nicht tanzen wollte, konnte sie es ihrer Freundin ja nicht wirklich übel nehmen.

  Wann hatte sie eigentlich das letzte Mal getanzt? Also, in der Öffentlichkeit? Vor zehn Jahren? Ja, das haut hin. Damals war es auf der Klassenfahrt, als ihr ihre Klassenkameraden nahe gelegt haben, so etwas lieber zu lassen, denn tanzende Nilpferde waren out.

  Genau so war es auch am Strand. Nachdem ein Kind seine Mutter fragte, warum sie so dick wäre und zur Antwort bekam, dass sie keine Disziplin hatte und wohl frustriert sei… kein Strand mehr, kein Schwimmbad und möglichst viel an.

  Und die Moral von der Geschicht, iss lieber mehr als nicht. Fett bist du ja eh schon und Essen ist gut für dein Gemüt.

  Vor kurzem gab es dann einen guten Tag, an dem sich Nadja so schlank und schön fühlte  wie schon lange nicht mehr und sie mal wieder ins Schwimmbad ging. Sie wusste nicht warum, aber irgendwie suchte sie bei Instagram nach dicken Frauen und fand Tausende von ihnen. Und nicht so wie sie, sondern wirklich dick und die liefen auch sehr freizügig herum und bekamen tausende von Likes, hatten Hunderttausende von Followern. So schlimm konnte es ja also nicht sein und sie war davon doch meilenweit entfernt. Doch sie spürte die Blicke der anderen um sie herum. Dass sie sie vielleicht auch hübsch fanden kam ihr absolut nicht in den Sinn.

  Nadja beobachtete ihre Freundin. Es war so ungerecht. Sie war schön, vergeben und musste die Männer schon abwimmeln. Und sie? Sie saß fett und traurig am Tisch und starrte neidisch andere Frauen an. Sie schwor sich gerade, nie wieder hier her zu gehen, nie wieder eine Singleparty aufzusuchen und keinen Mann mehr zu wollen, dann hatte sie eine Chance zumindest halbwegs glücklich zu werden. Denn eigentlich mochte sie sich. Nur dieses Hin und Her mit dem Essen, der Frust beim Klamottenkaufen, die blöden Kommentare und Blicke, ach, die Liste war endlos.

  Nadja sah noch im Augenwinkel wie ein Mann an ihr vorbei kam, sie sah nur noch den Rücken. Aber irgendwie, nein, den konnte sie wohl wahrlich nicht am Rücken erkannt haben. Sie dachte, sie würde ihn kennen. Aber den Anzug meinte sie sehr wohl zu kennen. Wenn das der Typ von letztens war, musste sie zusehen, dass sie hier verschwand, denn so einen jämmerlichen Eindruck wollte sie dann doch nicht machen. Obwohl… er tummelte sich ja auch hier rum. Sie saßen sozusagen in einem Boot.

  Sie griff ihre Tasche, sah zu ihrer Freundin, schnappte sich ihren Cocktail und stand auf. Da passierte es.

  »Können sie nicht aufpassen, junge…« Sein anfängliches Wutgesicht wich umgehend einem zauberhaftem Lächeln. »Ach nein. Sie?«

  »Oh Mann, es tut mir leid.« Verzweifelt wuschelte sie dem Mann am Anzug herum.

  »Ach lassen sie. Setzen sie sich oder besser, können wir mal vor die Tür gehen, denn da redet es sich besser.«

  Warum wollte er sich mit ihr unterhalten? Nadja ging dennoch mit, irgendwie konnte sie gar nicht anders. Der Typ, Mario, erzählte, dass er seine Schwester suchte, die heute Abend hier sein sollte. Sie wollte ihn einfach mal mitnehmen. Er wollte eigentlich nicht, denn er suchte keine Frau und er wusste, dass sie ihn sicher wieder verkuppeln wollte. Doch irgendwie hatte er zuhause den Drang doch ihrem Wunsch zu entsprechen.

  Sie wurden unterbrochen. »Mario, Bruderherz. Schön, dass du doch gekommen bist.«

  Nadja sah ihre beste Freundin an, die Mario herzlich begrüßte. Ihre Augen wurde immer größer, ihre Verwunderung und Überraschung auch.

  »Ist ja witzig. Ihr habt euch schon kennen gelernt.« stellte sie überrascht fest. »Kommt, lasst uns reingehen.«

  »Ähm, Schwesterchen, ich würde dir gern deine Freundin entführen. Irgendwohin wo es ruhiger ist«

  »Wie ihr wollt, ich bleib dann wohl noch hier?«

  Mario nickte und lächelte.

  »Macht mir aber keinen Blödsinn.«

  Sie lachten.

  »Und was soll ich deiner Traumfrau erzählen, wenn ich sie hier zufällig treffe?«

  Mario lächelte. »Das ist sie doch, Schwesterchen.«

  Nathalie sah ihren großen Bruder mit ebenso großen Augen an. »Sagtest du nicht… aber hattest du nicht…?«

  »Ja, das sagte ich.« Er lachte. »Eine junge Frau mit Ausstrahlung, einem zuckersüßen Lächeln und einer traumhaften Figur. Eben die Frau fürs Leben.«

  Nathalie umarmte ihren Bruder und lachte. Nadja verstand die Welt nicht mehr…

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